War­um Johan­nes ROTHENPIELER aus­ge­wan­der­te: das Mino­rats­er­brecht als Ursa­che

Vie­le Rothen­pie­lers, die nach der Her­kunft ihres Namens und somit nach ihrem Schwei­zer Stamm­va­ter forsch­ten, frag­ten sich, war­um Johan­nes ROTHENPIELER aus der Schweiz nach Witt­gen­stein zuwan­der­te. Die all­ge­mei­ne Ansicht war, dass man es nicht mehr wuss­te und die wah­ren Grün­de im Stru­del der Zeit ver­lo­ren gin­gen. Grund­le­gend ist dies auch in logi­scher und ver­nunfts­be­gab­ter Annah­me rich­tig, da es kei­ne detail­ier­ten Bele­ge, Quel­len und Doku­men­te über Aus­rei­se­wan­de­run­gen gibt. Wenn man sich jedoch mit der Geschich­te und der gesell­schaft­li­chen Situa­ti­on vom Trach­sel­wald und dem Emmen­tal ein wenig ver­trau­ter macht, dann kann jedoch man eini­ge star­ke Ten­den­zen für eine Aus­wan­de­rung fin­den. Und das Emmen­tal bie­tet hier­zu 1 – 2 Beson­der­hei­ten, die die Suche erleich­tern und ein­gren­zen.

Johan­nes ROTHENPIELER wur­de am 29. Mai 1614 in Lüt­zel­flüh getauft. Sein ers­tes Auf­tre­ten fin­det man in der Witt­gen­stein im Jahr 1637 wie­der. Zu die­sem Zeit­punkt war Johan­nes ROTHENPIELER bereits 23 Jah­re alt gewe­sen. In die­sem Alter galt er selbst­ver­ständ­lich schon als Erwach­se­ner. Für sei­ne Aus­wan­de­rung gibt es grund­le­gend zwei ver­schie­de­ne Berei­che, unter denen sich die Grün­de für die Aus­wan­de­rung ansam­meln kön­nen: reli­giö­se Grün­de und gesell­schaft­lich-wirt­schaft­li­che bzw. poli­ti­sche Grün­de.

(Der fol­gen­de, klei­ne Auf­satz über die Suche nach dem Grund der Aus­wan­de­rung von Johan­nes ROTHENPIELER basiert auf den Erkennt­nis­sen mit einem Gespräch mit Hans Min­der. Hans Min­der ist Lokal­his­to­ri­ker aus Lau­pers­wil. Ich traf ihn unmit­tel­bar nach mei­ner Wan­de­rung in Rothen­bühl im Früh­jahr 2018 bei einer Haupt­ver­sam­mung der GHGB in der Schau­kä­se­rei von Affol­tern im Emmen­tal, wo ich dort als Gast ein­ge­la­den war. Die­ses Gespräch, das unge­fähr eine Stun­de lang war, brach­te mir aber mehr Infor­ma­tio­nen, als 3 Jah­re Suchen und Nach­for­schen im Inter­net, in denen die gesuch­ten Infor­ma­tio­nen eigent­lich gar nicht bekommt, son­dern nur aus ers­ter Hand.)

Die dama­li­ge Schweiz war zum Zeit­punkt der Refor­ma­ti­on, die durch Mar­tin LUTHER indi­rekt ein­ge­läu­tet wur­de, ein reli­gi­ös gespal­te­tes Land gewe­sen. (Es ist anzu­mer­ken, dass die Schweiz damals noch kein Staat wie heu­te war, son­dern aus klei­ne­ren Staa­ten und Bünd­nis­se bestand, die in gewis­ser Wei­se die Vor­läu­fer der heu­ti­gen Schwei­zer Kan­to­ne dar­stell­ten.) Es gab zum einem die katho­li­sche Kir­che und zum ande­rem den Cal­vi­nis­mus/​Zwinglia­nis­mus, die sich seit dem 16. Jahr­hun­dert her­aus ent­wi­ckel­ten, eine star­ke Posi­ti­on aus­üb­ten und grund­le­gend zur refor­mier­ten Kir­che bzw. zu den Pro­tes­tan­ten kate­go­ri­siert wer­den. Auf dem dama­li­gen Lan­des­ge­biet von Bern, zu denen auch das Emmen­tal hin­zu zähl­te, war der Zwinglia­nis­mus die dor­ti­ge Staats­re­li­gi­on gewe­sen. Jeder dort Gebo­re­ne war auf­grund sei­nes Geburts­or­tes ein Zwinglia­ner gewe­sen, des­sen Glau­ben man durch frei­en Wil­len nicht abschwö­ren konn­te.

In die­ser Zeit ent­stan­den auch klei­ne Grup­pen und Gemein­den des Täu­fer­tums, die ihren Ursprung jedoch auf deut­schen und nie­der­län­di­schen Boden hat­te. Auf­grund der reli­giö­sen Ansich­ten des Täu­fer­tums wur­den ihre Anhän­ger – die so genann­ten Täu­fer – gesucht, ver­folgt und hin­ge­rich­tet, falls die­se nicht ihren Glau­ben abän­der­ten. Die Zwinglia­ner stan­den maß­geb­lich für Ver­fol­gung und Hin­rich­tung der Täu­fer, da die Zwinglia­ner kei­ne Glau­bens­frei­heit kann­ten, was jedoch beim Täu­fer­tum genau anders her­um war. Vie­le der Täu­fer wan­der­ten des­halb auch nach Nie­der­lan­de oder nach Eng­land aus, um ihren Glau­ben damals bes­ser und frei­er leben zu kön­nen.

Hans Min­der, der Lokal­his­to­ri­ker aus Lau­pers­wil, hat die ROTHEN­BÜH­LERs aus dem Trach­sel­wald und aus Lüt­zel­flüh weit­ge­hend unter­sucht. Im Bezug auf die ROTHEN­BÜH­LERs ist ihm noch kein Fall unter­ge­kom­men, wo ein Rothen­büh­ler sei­nen Glau­ben zum Täu­fer­tum wech­sel­te. Wenn doch­dem so wäre, so sei dies frü­her oder spä­ter zu dama­li­ger Zeit bekannt gewor­den und es wäre durch Ein­trä­ge von har­ten Stra­fen der Zwinglia­ner gegen die Täu­fer nch heu­te doku­men­tier- und beleg­bar. Doch da es kei­ne Bele­ge ent­spre­chen­der Stra­fen für ROTHENBÜHLER gab/​gibt, sieht Hans Min­der kei­ne reli­gö­sen Grün­de in der Aus­wan­de­rung von Johan­nes ROTHENPIELER nach Witt­gen­stein.

Statt­des­sen beton­te Hans Min­der in sei­nem Gespräch zu mir, dass er die Aus­wan­de­rung als Fol­ge des so genann­ten Mino­rats­er­brecht ansah. Was ist das Mino­rats­er­brecht? Die­ses Erbrecht stellt dar, dass der jüngs­te Sohn einer Fami­lie im Fal­le einer Erb­fol­ge den Hof und allem, was dazu gehör­te, erben wür­de. Das Emmen­tal war hier etwas beson­de­res. In wei­ten Tei­len der dama­li­gen Schweiz galt eigent­lich das Majo­rats­er­brecht als Grund­la­ge. Die­ses Recht ist eigent­lich genau des Gegen­teil des Mino­rats­erb­rechts und legt fest, dass eigent­lich der ältes­te (d. h. der erst­ge­bo­re­ne) Sohn einer Fami­lie den Hof erben wür­de. Im Emmen­tal jedoch galt nicht das Majo­rats­er­brecht, son­dern das Mino­rats­er­brecht als Stan­dard für sol­che Erb­fol­ge­fra­gen.

Dies bedeu­te­te grund­le­gend, dass der ältes­te Sohn aus jeder Fami­lie im Emmen­tal sich sei­nen eige­nen Hof erbau­en muss­te oder ersatz­wei­se in eine ande­re Fami­lie ein­hei­ra­ten, um einen eige­nen Hof fol­ge­des­sen zu erwirt­schaf­ten. Zudem war die Hei­rat im dama­li­gen Emmen­tal mit einer bestimm­ten Bedin­gung an den mög­li­chen Ehe­mann ver­knüpft. Der männ­li­che Hei­rats­an­wär­ter muss­te nach­wei­sen, dass er über ein ent­spre­chen­des Ein­kom­men besaß. Die­ses Ein­kom­men darf heu­te nicht mit der mone­ta­ren Ent­rich­tung von geleis­te­ter Arbeit ver­stan­den wer­den, son­dern da zu dama­li­ger Zeit ganz anders aus. Der männ­li­che Hei­rats­an­wär­ter muss­te als ver­stan­de­nes Ein­kom­men fol­gen­de drei Din­ge als eige­nen Besitz nach­wei­sen:

  1. ein eige­nes Gewehr,
  2. eine Uni­form, die damals einer Schüt­zen­klei­dung ent­sprach,
  3. und eige­nen Feu­er­ei­mer (das war ein Leder­beu­tel in Eim­er­form gewe­sen, die man mit Was­ser befül­len konn­te, um mög­li­che Feu­er­brän­de zu löschen).

Besaß der männ­li­che Hei­rats­an­wär­ter eines die­ser drei Gegen­stän­de nicht, so konn­te er nicht hei­ra­ten. Die­ses Schick­sal konn­te damals mehr männ­li­che Per­so­nen errei­chen, als eine Ver­fol­gung durch einen bewuss­ten Glau­bens­wech­sel.

Nun kann man schon auch ein wenig erah­nen, wohin der mög­lich Grund für eine Aus­wan­de­rung von Johan­nes ROTHENPIELER aus der Schweiz nach Witt­gen­stein liegt. Johan­nes ROTHENPIELER war das erst­ge­bo­re­ne Kind von Ben­dicht ROTHENBÜHLER und Chris­ti­ne ALTHAUS gewe­sen und zugleich auch der erst­ge­bo­re­ne Sohn die­ser Fami­lie. Durch das Mino­rats­er­brecht ging er im Fal­le einer Erb­fol­ge auf jeden Fall leer aus. So wur­de erst zehn Jah­re nach sei­ner Geburt wur­de sein nächs­tes Geschwis­ter­kind gebo­ren – es war ein Bru­der -: Ulrich ROTHENBEÜHLER; am 2. Okt. 1625 in Lüt­zel­flüh getauft. Ins­ge­samt folg­ten nach der Geburt von Johan­nes ROTHENPIELER noch 8 wei­te­re Geschwis­ter. Das letz­te Kind – eben­falls eine männ­li­che Per­son – mit dem Namen Abra­ham ROTHENBÜHLER wur­de am 15. Sept. 1637 in Lüt­zel­flüh getauft. Man mer­ke an, dass das ers­te uns bekann­te Auf­tre­ten von Johan­nes ROTHENPIELER in Witt­gen­stein im Jahr 1637 war, wobei kein genaue­res Datum vor­liegt. Es war genau das Jahr, wo der letz­te und jüngs­te Sohn gebo­ren wur­de, der durch Mino­rats­er­brecht die Erbe der Eltern antre­ten könn­te.

Wann genau die Aus­wan­de­rung erfolg­te, bleibt für uns lei­der ein Geheim­nis. Ich möch­te auch anmer­ken, dass die Aus­wan­de­rung von Johan­nes ROTHENPIELER infol­ge durch das Mino­rats­er­brecht nicht DER Grund war, son­dern EIN mög­li­cher Grund, der jedoch durch eini­ge star­ke Argu­men­te bekräf­tigt wer­den kann. Johan­nes ROTHENPIELER konn­te damals auf jeden Fall das Erbe sei­ner Eltern nicht antre­ten, da nach ihm 5 wei­te­re Brü­der folg­ten. Dies hät­te im Lau­fe der Zeit zu Pro­ble­men mit sei­nen Eltern und evt. auch sogar mit der dama­li­gen Gemein­de geführt. Unter Umstän­den kann man auch ihn betrach­tet zie­hen, dass er nicht in der Lage war, zu hei­ra­ten. Sonst hät­te es dies getan und er wäre in Lüt­zel­flüh geblie­ben. Das alles hat­te zur Fol­ge, dass er kurz gesagt die Schnau­ze voll hat­te und zu fer­nen Orten abge­hau­en ist.

Ob der 30-jäh­ri­ge Krieg die Aus­wan­de­rung von Johan­nes ROTHENPIELER noch zusätz­lich begüns­tigt hat, mag dahin gestellt sein; denk­bar wäre es, wenn Johan­nes ROTHENPIELER ein aben­teu­er­lus­ti­ger und wage­mu­ti­ger Per­son gewe­sen wäre. Der 30-jäh­ri­ge Krieg war jedoch kein Krieg, der 30 Jah­re lang wüte­te, wie es der Name sug­ge­riert. Son­dern eigent­lich war der 30-jäh­ri­ge Krieg eine Rei­he von vie­len klei­ne­ren Krie­gen auf deut­schem Boden gewe­sen, die ins­ge­samt eine Span­ne von 30 Jah­re in Anspruch nah­men. Die­se Kriegs­span­ne ging von 1618 – 1648. Johan­nes ROTHENPIELER tauch­te nach­weis­lich 1637 in Witt­gen­stein auf. Das war im letz­ten Drit­tel des 30-jäh­ri­gen Krie­ges gewe­sen.

Durch den 30-jäh­ri­ge Krieg und ins­be­son­de­res auch durch den anschlie­ßen­den Pfäl­zi­schen Erb­fol­ge­krieg von 1688 – 1697 wur­den vie­le Dör­fer und Ort­schaf­ten in der Kur­pfalz (im heu­ti­gen Baden-Würt­tem­berg) voll­stän­dig aus­ra­diert. Um die men­schen­lee­re Gebie­te in der Kur­pfalz wie­der neu auf­zu­bau­en und zu bele­ben, wur­den durch den Auf­ruhr des dama­li­gen Kur­fürs­ten vie­le Schwei­zer ein­ge­la­den, die Kur­pfalz wie­der auf­zu­bau­en, wobei man Reli­gi­ons­frei­heit ver­sprach, eige­nes Land und diver­se Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen. Vie­le dama­li­ge Schwei­zer sind die­sem Auf­ruhr gefolgt und haben sich ins Baden-Würt­tem­berg nie­der­ge­las­sen; beson­ders in/​um Hei­del­berg, im Oden­wald oder in Kraich­gau. Aber das geschah alle vie­le Jahr­zehn­te, nach­dem Johan­nes ROTHENPIELER in Witt­gen­stein leb­te, zwei­mal hei­ra­te­te, 8 Kin­der zeug­te und 1687 in Feu­din­ger­hüt­te, Feu­din­gen bei Bad Laas­phe ver­starb.

Veröffentlicht von

Michael Johne

Als Rothenpieler-Nachfahre und Genealoge erforsche ich die Nachkommenschaft des Schweizers Johannes Rothenpieler.

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