Erste Seite des Kyburger Urbar von 1482

Die ers­te, urkund­li­che Erwäh­nung von Rothen­bühl im Kybur­ger Urbar

Am Tage mei­ner Wan­de­rung nach Rothen­bühl im Früh­jahr 2018 traf auch auch den Lokal­his­to­ri­ker Hans Min­der aus Lau­pers­wil bei einer Haupt­ver­samm­lung der GHGB in der Schau­kä­se­rei von Affol­tern im Emmen­tal. Mit ihm führ­te ich ein aus­gie­bi­ges, infor­ma­ti­ves, aber nicht all­zu lan­ges Gespräch für Rothen­bühl und Johan­nes ROTHENPIELER, dem Stamm­va­ter aller Rothen­pie­lers. Von Hans Min­der erfuhr ich zudem die ers­te, urkund­li­che Erwäh­nung von Rothen­bühl im Kybur­ger Urbar. Und zu völ­li­ger Über­ra­schung stell­te sich Rothen­bühl als älter her­aus, als ich bis­her ange­nom­men habe.

Bis­her habe ich immer ver­mu­tet, dass Rothen­bühl irgend­wann im 14. Jahr­hun­dert ent­stand. Doch durch die Infor­ma­tio­nen von Hans Min­der zeig­te sich sogar, dass Rothen­bühl vom 200 Jah­re älter war und bis ins 12. Jahr­hun­dert belegt wer­den konn­te.

Die bis­her ers­te und somit, urkund­li­che Erwäh­nung von Rothen­bühl ist im Kybur­ger Urbar belegt. Bei dem Kybur­ger Urbar han­delt es sich um mit­tel­al­ter­li­ches Urbar (Ver­wal­tungs- und Ver­zeich­nis­buch), in der die Ein­künf­te der Gra­fen von Kyburg aus dem schwei­ze­ri­schen Mit­tel­land schrift­lich auf­ge­zeich­net wur­den, um infol­ge­des­sen die Herr­schafts­rech­te in Ämter zu glie­dern. Für das Kybur­ger Urbar scheint es kein genau­es Ent­ste­hungs­da­tum zu geben. Ver­schie­de­ne Stel­len geben 1146, 1238 oder 1261/​62 an. Fest­le­gend kann man aber sagen, dass das Kybur­ger Urbar unge­fähr im 12. Jahr­hun­dert ent­stand. In die­ser Zeit wur­de somit auch Rothen­bühl für uns heu­te das ers­te Mal schrift­lich belegt. Abschrif­ten des uns heu­te frag­men­ta­risch erhal­te­nen Kybur­ger Urbars gelan­gen zudem in den Habs­bur­ger Urbar. Eine wei­te­re Abschrift des Kybur­ger Urbars von 1482 ist im Staats­ar­chiv Zürich unter der Signa­tur II a 252 a, Nr. XIII auf­be­wahrt. Die jüngs­te Abschrift des Kybur­ger Urbars stammt aus dem 19. Jahr­hun­dert und befin­det sich im Besitz der Ver­wal­ter des Stamm­sit­zes der Kybur­ger.

Digi­ta­li­sa­te des Kybur­gers Urbars sind lei­der nicht öffent­lich abruf- bzw ein­seh­bar. Jedoch gibt es Tran­skrip­tio­nen des Kybur­ger Urbars sind den mehr­bän­di­gen Buch­wer­ken „Quel­len­werk zur Ent­ste­hung der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft“ und „Quel­len zur Schwei­zer Geschich­te“ ent­hal­ten. Zum Auf­zei­gen des frü­hes­ten Nach­weis von Rothen­bühl als tran­skrip­tier­ten Ein­trag begnü­ge ich mit der Quel­le „Quel­len zur Schwei­zer Geschich­te, Band 15. Teil­band 2.1. Das Habs­bur­gi­sche Urbar“ (her­aus­ge­ge­ben von Rudolf Maag; ver­legt 1894 – 1904 vom Ver­lag der Bas­ler Buch- und Anti­qua­ri­ats­hand­lung), Sei­te 10 im Buch:

Auf die­ser Sei­te ist der Ein­trag zu Rothen­bühl zu lesen: „Růten­bůl pro (cen)su ℔ 3 et ß 7, spel­te quart. 1.“.

Transkriptierter Eintrag "Rothenbühl" als "Růtenbůl"
Tran­skrip­tier­ter Ein­trag „Rothen­bühl“ als „Růten­bůl“

Zu die­sem Ein­trag gibt es die Fuß­no­te 7: „Roten­bühl und Ober-Roten­bühl, nord­öst­lich von Lau­pers­wil (Top. Atlas, 368; s. Jahn, S. 538), nicht Rüti­hubel bei Burg­dorf, wie W. ver­mu­tet“.

Fußnote zum transkriptierten Eintrag "Rothenbühl" als "Růtenbůl"
Fuß­no­te zum tran­skrip­tier­ten Ein­trag „Rothen­bühl“ als „Růten­bůl“

Der Ein­trag für den ers­ten uns bekann­ten Beleg für Rothen­bühl ist aller­dings (wie vie­le ande­re Ein­trag dort) in latei­ni­scher Spra­che mit eini­gen Kür­zeln und Kür­zun­gen ver­fasst. Um dies zu ver­ste­hen, muss ent­we­der eini­ge aka­de­mi­sche Kennt­nis­se in mit­tel­al­ter­lich latei­ni­scher Spra­che besit­zen oder ent­we­der im dicken Buch an vie­len Stel­len nach­schla­gen und meh­re­re Tage im Inter­net recher­chie­ren, bis man die­sen Ein­trag in unse­re heu­ti­ge Spra­che sinn­ge­mäß ver­ste­hen kann.

Für mei­ne Recher­che­zwe­cke ist dies weit­ge­hend nach eini­gen Tagen gelun­gen, den Ein­trag „Růten­bůl pro (cen)su ℔ 3 et ß 7, spel­te quart. 1.“ zu ver­ste­hen. Im Fol­gen­den schlüss­le ich den Ein­trag in ein­zel­ne Tei­le auf:

  • Růten­bůl“: Das ist eine frü­he­re Namens­form von Rothen­bühl. Der Kroužek (auch Über­kreis oder Kreis-/Ring­ak­zent) über den Buch­sta­ben U kann als Tre­ma (hori­zon­ta­ler Dop­pel­punkt über einem Vokal) ver­stan­den wer­den, das den Namen dann als Rüten­bül lesen lässt.
  • pro (cen)su“: Dies bedeu­tet sinn­ge­mäß „Auf hun­dert (Tei­le kom­men)“. Die in den Klam­mern ste­hen­de Wor­te sind im Ori­gi­nal nicht ent­hal­ten, da gekürzt geschrie­ben wur­de. In der ent­spre­chend über­setz­ten Gegen­stel­le wor­den die ein­ge­klam­mer­ten Wör­ter zum bes­se­ren Ver­ständ­nis hin­zu­ge­fügt. Die „hun­der­te Tei­le“ bezie­hen sich dabei nach­fol­gend auf die Anga­be des Pfunds und des Soli­dus.
  • ℔ 3“: Dies bedeu­tet „3 Pfund“. ℔ ist das Kür­zel für Pfund und wur­de an ande­ren Stel­len ein­fach gekürzt als „lib.“ geschrie­ben. „lib.“ wie­der ist aus­ge­schrie­ben das latei­ni­sche Wort „libra“ und steht wort­wört­lich zwar für Waa­ge, aber im über­tra­gen­den Sin­ne für Pfundt. Auf wel­ches Abga­be­gut sich die 3 Pfundt bezie­hen, ist aktu­ell (mir) noch nicht bekannt. Viel­leicht bezie­hen sich die­se 3. Pfundt als Abga­be auf jedes Gut, was abga­be­pflich­tig ist.
  • et ß 7“: Dies bedeu­tet sinn­ge­mäß „und 7 Soli­dos“. ß ist eine Abkür­zung für de Münz­wäh­rung Soli­dus; ähn­lich € für Euro. Der Sol­di­us war umgangs­sprach­lich der Euro des Mit­tel­al­ter gewe­sen. Aller­dings hat­te er je nach Zeit und Gebiet einen unter­schied­li­chen Wert. Vom Soli­dus lei­ten sich auch die Wör­ter SoldSöld­ner und Sol­dat ab. Sal­dosoli­desoli­da­risch und kon­so­li­die­ren sind ety­mo­lo­gisch hin­ge­gen direkt auf das latei­ni­sche Adjek­tiv soli­dus („fest, zuver­läs­sig, wahr­haf­tig, ganz, treu“) zurück­zu­füh­ren, nicht auf den Namen der Mün­ze.
  • spel­te quart. 1.“: Dies bedeu­tet sinn­ge­mäß „(sowie) 1 Quarta­ne Dinkel/​Weizen“. Mit „spel­te“ ist hier der Din­kel als Getrei­de- und Wei­zen­art gemeint. Ein alter oder alter­na­ti­ver, heu­te aber weni­ger gebräuch­li­cher Name ist näm­lich Spelt (aus dem latei­ni­schen spel­ta). „quart.“ steht für das alte, schwei­ze­ri­sche Getrei­de­maß, Volu­men­maß und Hohl­maß Quarta­ne. Mit der Ein­füh­rung des metri­schen Sys­tems von 1877 wur­de die Quarta­ne abge­schafft. Der Name selbst lei­tet sich als dem latei­ni­schen quart für Vier­tel ab. In ande­ren Län­dern wur­de ähn­lich-klin­gen­de Maße wie die Quarta­ne ver­wen­det: Quart, Quar­tel, Quar­to, Quar­ta, Quart­a­ro, Quart­ant, Quar­te, Quar­teau, Quar­ti­cel­lo, Quar­ti­ci­no, Quar­tier, Quar­ti­no, Quärt­lein, Quar­t­ra­to, …

Nach der gan­zen Auf­schlüs­se­lung und Erklä­rung des Ein­trag „Růten­bůl pro (cen)su ℔ 3 et ß 7, spel­te quart. 1.“ bedeu­tet die­ser (nach mei­nem bis­he­ri­gen Kennt­nis­stand) in sinn­ge­mä­ßer, über­setz­ter, heu­ti­ger Spra­che: „Rothen­bühl: Auf 100 Tei­le kom­men (zur Abga­be) 3 Pfundt und 7 Soli­dus, sowie 1 Quarta­ne Dinkel/​Weizen“.

Veröffentlicht von

Michael Johne

Als Rothenpieler-Nachfahre und Genealoge erforsche ich die Nachkommenschaft des Schweizers Johannes Rothenpieler.

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